Sauber – Cover von Rainer Sonnberg

Rainer Sonnberg

Sauber

Ein Cyber-Noir Thriller

Über Macht, Lust und die Biochemie des Verlangens. Über zwei Menschen, die sich gegenseitig schützen, ohne es zuzugeben.

Inhalt

Sie hat nicht überlebt und kehrt doch zurück. Nicht besser, nicht stärker … anders. Und sie hat mehr als nur einen Plan.

Berlin, 1990. Ein Informatikstudent verliebt sich in eine Frau, die er Bohnenstange nennt. Sie bringt ihm das Programmieren bei. Und das andere gleich dazu.

Luxemburg, 2002. In den Codezeilen, die das Karriereende einer Bankerin besiegeln, hinterlässt jemand einen Namen: NINOR.

Grönland, 2008. Ein geheimes Labor wird gehackt und von allen Monitoren blinkt: NINOR. Dann fliegt es in die Luft, Menschen sterben.

Schwerin, 2019. Hartwig Renner braucht einen Auftrag. Die Frau, die ihm den Job versprochen hat, kennt er nicht. Sieben Tage später verlässt er die Stadt — körperlich gezeichnet, ruiniert, und mit einer Handschrift, die ihn dreißig Jahre zurückführt.

Über Würde, die zu spät kommt. Und über die Frage, wie viel von dem, was wir Liebe nennen, in Wahrheit Dopamin ist — und ob das irgendetwas ändert.

Erscheint im August 2026

ISBN 978-3-6957-1370-7

Über den Rausch der Macht und die Biochemie des Verlangens

Es ist einige Jahre her, da saß ich in einer Wohnung, die halb leer war. Nicht, weil wir zu wenig besessen hätten — wir hatten zu viel besessen, und zu wenig von dem, was zählt, war geblieben. Meine Frau war gegangen. Genauer gesagt: Wir hatten uns beide so lange aus dem Buch des gemeinsamen Lebens herausgeschrieben, bis keiner mehr da war, der es hätte aufhalten können.

Ich schrieb damals jede Nacht. Nicht weil ich ein Buch herausbringen wollte. Ich schrieb, weil ich verstehen wollte — nicht sie, nicht uns, sondern mich selbst. Wie jemand wie ich, der glaubt, Dinge zu durchschauen, an etwas scheitern konnte, das er mit einem Lächeln hätte aufhalten können. Das er hätte mit einem Lächeln aufhalten sollen. Einem Lächeln, das ihm nicht gelingen wollte.

Ein Buch darüber, wie Verlangen und Verletzung aus derselben Wurzel wachsen. Darüber, wie jemand einem anderen Menschen wirklich nahekommen und ihn gleichzeitig zerstören kann. Antworten fand ich keine. Ich fand Viktoria. Oder fand sie mich? Hatte sie nicht schon immer gelebt, irgendwo in meinem Kopf, ganz tief vergraben? Hat nicht jeder Mann seine Viktoria und jede Frau ihren Hartwig? Warum?

Es war der Moment, an dem ich aufhörte, über Menschen nachzusinnen, und mir stattdessen die Biochemie vornahm. Nicht als Flucht — als Versuch, ehrlicher zu sein. Denn seit Darwin wissen wir, dass wir Tiere sind und kein gesellschaftliches Korsett, in das wir unser Tiersein zwängen, kann daran etwas ändern.

Das Ergebnis war verstörend. Für mich. Weil das, was wir Genuß nennen, in Wahrheit ein biochemischer Kurzschluss ist. Plus und Minus berühren sich, es knallt und am Ende bleibt nur noch Rauch, der sich aus der Asche kräuselt.

Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen dem Aroma eines guten Rotweins, dem Orgasmus, dem Moment, in dem ein Gegner klein beigibt — oder dem Klick eines Schlossriegels, der sich öffnet, weil man den richtigen Code kannte. All das läuft über dieselben Leitungen. All das hinterlässt denselben chemischen Abdruck.

Es gibt einen Neurowissenschaftler namens Berridge, der zwischen »wanting« und »liking« unterscheidet — Wollen und Mögen. Zwei getrennte Systeme, zwei getrennte Schaltkreise. Man kann intensiv wollen, was man nicht mehr mag. Man kann mögen, ohne noch zu wollen. Ich las das und dachte: Komm doch mal vorbei, schau dir an, wie wir gerade deine Theorie in die Praxis umsetzen.

Macht funktioniert exakt nach demselben Prinzip. Denn das Dominieren eines anderen Menschen — und es ist völlig gleichgültig, ob es im Schlafzimmer, am Küchentisch, im Büro oder in einer Verhandlung geschieht — aktiviert dieselben Bahnen wie sexuelle Erregung. Der Moment, in dem jemand nachgibt, sich unterordnet, sich ausliefert: biochemisch nicht grundlegend verschieden von einem Orgasmus.

Beweis? Haben Sie jetzt am Küchentisch oder auf dem Küchentisch gedacht? An Wutschreie, erhobene Fäuste oder an Lack und Leder?

Das mag verstören. Es hat mich verstört. Trotzdem ist es wahr. Und sobald man das weiß, liest man Menschen anders. Man sieht, wie viel von dem, was als Stärke gilt, in Wirklichkeit Sucht ist. Ich sah, wie viel von dem, was ich als meine Stärke ansah, in Wirklichkeit Sucht war.

Und dann kam die Erkenntnis, die mich am meisten überrascht hat: Das Wissen hilft nicht. Wer die Neurochemie des Verlangens versteht, ist ihr nicht weniger ausgeliefert als jemand, der nie von Dopamin gehört hat. Das System schützt sich selbst. Es funktioniert wie ein Naturgesetz: Die Gravitation wartet nicht darauf, dass man Newton gelesen hat.

Der Körper begehrt. Der Körper bindet. Der Körper sucht den Rausch — auch dann, wenn der Verstand längst verstanden hat, was da gerade passiert. Vielleicht ist das die eigentliche Demütigung: nicht Opfer der eigenen Unwissenheit zu sein, sondern der eigenen Biologie.

Das ist keine Entschuldigung.

Ich habe diesen Roman geschrieben, obwohl ich das wusste. Deshalb ist Sauber kein Roman über Sex. Auch wenn er eine ganze Menge Szenen enthält, die das vermuten lassen. Es ist ein Roman über die Frage, was ein Mensch bereit ist zu tun — und zu erleiden — für den Moment, in dem er sich wirklich gesehen fühlt. Und über die Frage, wie viel von dem, was wir Liebe nennen, in Wahrheit Dopamin ist. Und ob das irgendetwas ändert.

Er gibt eine der möglichen Antworten auf die Frage, was passiert, wenn sich Lust und Macht verbünden. Hätte ich sie vor dem letzten Kapitel dieses Romans gekannt, hätte ich mir die Hände auf die Ohren gepresst.

Rainer Sonnberg
Mai 2026

Leseprobe

Prolog

Saigon · August 1972

Die Klimaanlage im Continental funktionierte nicht. Die Klimaanlage funktionierte nirgendwo in Saigon im August, aber im Continental kostete sie sechs Dollar pro Stunde, und der Hotelmanager sammelte sie ein, ohne zu zucken. Captain Banks saß an einem Ecktisch, in Cremehemd ohne Jacke, das Notizbuch unter der rechten Hand, und wartete auf einen Mann namens Ông Tâm, der eine halbe Stunde zu spät war.

Saigon im August. Drei Uhr nachmittags. Der Monsun hatte am Vormittag aufgehört, was bedeutete, dass die Luft jetzt nicht regnete, sondern atmete – in dieser zähen, vom Diesel der Vespa-Motoren und vom Karamell der Fischsoße durchsetzten Form, die Banks seit zweieinhalb Jahren als Saigon begriff und nicht in Heimat-Termini übersetzte. Wer übersetzte, verstand nicht.

Die Bar des Continental war zu drei Vierteln voll. Drei Amerikaner in Zivil, vermutlich Vertrags-Ingenieure von Brown & Root, lauter als nötig. Zwei Franzosen am Fenster, in Anzügen, die in Marseille hergestellt worden waren und seit zwölf Jahren in Saigon getragen wurden. Ein australischer Journalist mit einem ARVN-Major, beide leise. Eine Vietnamesin im Áo Dài, weiß auf Weiß, die so saß, dass jeder im Raum sie sehen konnte und niemand sicher war, ob sie auf jemanden wartete oder zum Service gehörte.

Banks notierte sie als Familie Lê – eine Annahme, die nichts mit Wahrheit zu tun hatte, aber operativ ausreichte.

Ông Tâm kam um Viertel vor vier, ohne sich zu entschuldigen. Er war zweiundsechzig, dünn, mit jenem flachen Lächeln vietnamesischer Männer mittleren Alters, das je nach Beleuchtung freundlich oder verschlossen wirkte und in beiden Fällen unzutreffend war. Tâm war offizieller Distrikt-Bevollmächtigter in einem Bezirk westlich der Stadt, inoffizieller Vermittler für drei Sorten von Geschäften, die Banks in seinem Notizbuch nicht namentlich aufführte. Sie kannten sich seit sechs Monaten und respektierten sich auf jene Art, in der Männer ihrer Berufsfelder einander respektieren: mit gleichgültiger Höflichkeit und einer präzisen Vorstellung davon, wann der andere lügen würde.

„Captain."

„Tâm."

Sie tranken Tee. Tâm trank ihn schwarz, Banks mit Zucker, was Tâm jedes Mal aufnahm wie eine kulturelle Bemerkung über die amerikanische Naivität.

Banks erhielt heute fünf Informationen für zweihundertfünfzig Piaster. Sie betrafen einen Vietcong-Sympathisanten in einem Dorf bei Tây Ninh, eine Lieferung medizinischer Reagenzien aus einem amerikanischen Feldlazarett in einen privaten Apothekenladen in Cholon, einen Provinz-Beamten, der zu seinem Schwager nach Phnom Penh übergetreten war, eine Familie in Tân Sơn Nhứt, die zwei Söhne im Vietcong und einen Schwiegersohn in der ARVN hatte, und eine geplante Demonstration buddhistischer Mönche für den siebzehnten dieses Monats, von der wahrscheinlich nichts gehört werden würde, weil sie nicht stattfinden würde.

Banks zahlte. Tâm nahm die Piaster, ohne sie zu zählen.

Während des Gesprächs nahm Banks am Rand seiner Aufmerksamkeit eine zweite Transaktion wahr. Ein älterer Vietnamese, den die Empfangsdame als Bác Phương angekündigt hatte, führte einen amerikanischen Mann in Zivil – Mitte vierzig, schmaler Schnurrbart, mit einer Hose, die schon mehr als einen Saigon-Sommer gesehen hatte – durch die Lobby Richtung Hinterzimmer. Es war die einzige Tür, die aus Holz und nicht aus Bambus war, und sie war dick. Vor ihnen ging ein Mädchen. Banks schätzte sie auf vierzehn, vielleicht fünfzehn. Sie trug ein gelbes Sommerkleid, das nicht aussah, als wäre es ihres. Das Mädchen schaute beim Vorbeigehen kurz zu Banks herüber, ohne ihn wahrzunehmen, weil Banks gelernt hatte, in Saigon nicht so auszusehen, als würde er sehen.

Doch er registrierte das. Er schrieb in seinem Notizbuch: Phương / Continental / hôtel particulier / 16:03 / Amerikaner unbekannt, ca. 46, Mittelwesten, vermutlich Geschäftsmann, kein Soldat. Er schrieb es in einer abgekürzten Form, die nur er lesen konnte.

Tâm hatte das Mädchen auch gesehen. Er sagte nichts.

„Sauber?", fragte Tâm schließlich, in dem flachen Englisch, das er für Banks reservierte.

„Sauber", sagte Banks. Sie meinten die Informationen. Sie meinten nicht das Mädchen.

Banks verließ das Continental um Viertel vor fünf und ging zu Fuß durch die Đồng Khởi zurück Richtung MACV. Die Vespas hupten, die Fahrräder fuhren ihm in die Knie, ein Junge bot ihm Postkarten an, auf denen die Saigoner Kathedrale gerader stand, als sie es tat. Banks lehnte freundlich ab. Er dachte nicht über das Mädchen nach. Er dachte über die Apothekenlieferung in Cholon nach, weil das die einzige Information von Tâms heutigen fünf war, die einen Civil-Affairs-Bericht rechtfertigte.

Was Banks an diesem Tag dazulernte und in keiner Akte erwähnte: dass Bác Phương einen Schwager im Bezirksamt hatte, und dieser Schwager einen Cousin in einer Frachtfirma in Brüssel. Er notierte es am Abend in seiner Unterkunft, an einem Schreibtisch ohne Lampe, im Licht einer Straßenlaterne, die durch die Jalousien fiel und sein Notizbuch in feine Streifen schnitt. Er brauchte die Information jetzt nicht. Er würde sie nie vergessen.

Es war drei Uhr morgens, als er das Licht ausmachte. Er trank ein Glas Wasser, schrieb noch drei Sätze, und schlief vier Stunden, ohne zu träumen.


Reiche ich dir nicht mehr?

Berlin (West) · 1990

Jede Frau wird als Verführerin geboren. Manche vergessen es irgendwann, einige perfektionieren es und andere machen daraus einen Beruf. Man trifft sich erst zwischen den Beinen, dann auf dem Standesamt, später vor dem Scheidungsrichter und irgendwann kommt das Vergessen. Das ist der Gang der Welt zwischen Mann und Frau. Doch möge Gott dir gnädig sein, wenn du die Eine triffst, die dir das Vergessen für immer verwehrt …

Der saubere, durchsichtige Glastisch flimmerte vor mir im Licht der untergehenden Sonne. Er erinnerte mich an ein Wochenende an der Ostsee. Weiße Segel waren wie Schäfchenwolken über das Wasser geglitten, blaugrüne Wellen hatten gerauscht, als sie an den Strand gerollt waren und statt des Geruchs von Schweiß und Fresstempelmief war der Duft von eingecremter Frauenhaut allgegenwärtig gewesen.

Genau wie Bohni studierte ich in Dresden Informatik. Eine Woche Vorlesungen, aber mehr noch die langen Nächte mit ihr, in denen sie mir mehr als nur die Grundlagen der Programmierung eingebleut hatte, hatten eine Mischung aus Stresshormonen, Adrenalin und Testosteron in meinem Blut angestaut.

Dann war da noch das Problem mit ihrem Bruder und wir wussten beide, dass da eine Entscheidung auf uns zukam, die einem von uns nicht gefallen konnte. Der Einkaufsbummel in Westberlin war da nicht mehr als eine kleine Auszeit, um unsere Köpfe freizubekommen.

„Einen Kaffee?" Ein kleiner Mittfünfziger mit müden Augen tauchte neben meinem Tisch auf. Der Fleck auf seinem weißen Hemd und die Müdigkeit im schmalen Gesicht erzählten eine lange Geschichte von übellaunigen Kunden und einer Arbeitszeit jenseits von Gut und Böse.

Die Ostsee in meinem Kopf zerplatzte und ich murmelte: „Eigentlich nicht. Ich warte nur auf meine Freundin."

„Zum ersten Mal hier, hm?" Unter der Hakennase und den Stoppeln seines grauen Dreitagebartes machte sich ein wissendes Lächeln breit. „Kauft sie Schuhe oder Unterwäsche?"

Ich zog die Augenbrauen hoch und er feixte: „Wenn sie Schuhe kauft, bringe ich Ihnen besser gleich eine Kanne. Zeitungen finden Sie zwanzig Schritte weiter im Kiosk rechts und die Toilette ist eine Etage tiefer."

„Sie haben Erfahrung?"

„Ich war verheiratet …"

Ein Kind schrie. Dem Vater rannen Schweißbäche über das Gesicht und die Mutter presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Stress wehte wie dunkler Rauch aus der Einkaufsmeile herauf und der Kellner verschwand hinter dem Tresen.

Fünf Minuten später verwöhnte der Duft von frisch gebrühtem Kaffee meine Nase. Ich genoss den ersten Schluck und hoffte, dass er mich wachhalten würde.

Tat er – ein paar Taktzyklen. Dann teleportierten mich meine Gedanken wieder an die Ostsee, mitten hinein zwischen entspannt lächelnde, sonnenüberflutete Bikinischönheiten und das leise Rauschen der Wellen. Etwas in mir dachte über die Fragen nach, die mir keiner meiner Dozenten beantworten wollte.

Die erste: Was wäre, wenn es eine künstliche Intelligenz gäbe – eine echte, nicht die tumb optimierende Rechenmaschine aus den Lehrbüchern, sondern etwas, das versteht? Eine, die Sprache nicht nur verarbeitet, sondern auch begreift. Ein Programm, das sich selbst verbessert und irgendwann die Information aus dem Speicher löscht, wer es gestartet hat. Wenn ja, dann wäre der Unterschied zwischen ihr und mir nur eine Frage der Hardware. Und Hardware, dachte ich, ist austauschbar. Wenn es bei Herzen funktioniert, warum nicht auch bei Köpfen?

Die zweite Frage war dann unvermeidlich: Welchen Körper würde sie sich wählen?

Ich war ehrlich genug, um nicht bei der Antwort zu schummeln. Nicht die Schönste – Schönheit ist Konsens, und eine Intelligenz, die wirklich denkt, würde keinen Konsens wollen. Nicht die Stärkste, nicht die Makelloseste. Sie würde einen Körper wählen, der Informationen trägt. Narben vielleicht. Eine Haltung, die mehr verrät als sie beabsichtigt. Augen, in denen man lesen kann, wenn man weiß wie – und die trotzdem nicht alles zeigen. Einen Körper, der eine Geschichte hat, die noch nicht zu Ende erzählt ist.

Irgendwie bekam ich trotzdem mit, dass einige Meter weiter eine Frau in scharlachrotem Leder einen Stuhl okkupierte. Es saß hauteng, die Knieschleifer zeigten Spuren von Asphaltkontakt, ebenso ihr schwarzer Helm. Achtlos landete er auf dem Tisch, die Handschuhe ebenfalls. Herausfordernd blickte sie sich im Kaffee um, dann ließ sie sich nieder mit der Grazie eines Raubtiers, das nur ein kurzes Nickerchen vor der nächsten Jagd machen wollte. Groß, muskulös, mit langen blonden Haaren, rubinrot geschminkte Lippen, glühten ihre dunklen Augen vor Vitalität. Etwas davon wehte bis zu mir herüber und riss mich aus meinem Halbschlaf.

Gerade rechtzeitig genug, um zu sehen, wie ein solariumgebräunter Mann in teurem Anzug, mit Goldkette und weißem Kaschmirschal an ihrem Nebentisch sich seine schmalen Lippen leckte. Er wartete, bis die Bikerlady ihre Bestellung aufgegeben hatte, klebte sich ein Lächeln ins Gesicht, dann sprang er auf. Ein paar gezierte Schritte, dann stand er neben ihrem Tisch, beugte sich vor, sprach auf sie ein und griff nach der Lehne des freien Stuhls neben ihr. Alles in einer einzigen, fließenden Aktion ohne jede Kante. Er schien viel Übung zu besitzen.

Die Bikerlady offenbar auch. Laut genug, dass ich es hören konnte, fiel sie ihm ins Wort: „Ich will weder, dass du dich an meinem Tisch breit machst, noch später in meinem Kopf. Und noch später zwischen meinen Beinen schon gar nicht. Verzieh dich! Ich ficke nur Männer!"

Es warf Goldkette komplett aus seinem Übungstakt. Mitten in seiner glatten Bewegung erstarrte er, stand einen Moment unschlüssig da, dann ging er mit einem Alibigrinsen zu seinem Tisch zurück und versteckte es hinter einem Männermagazin. Kurze Zeit später zahlte er und verschwand.

Ich mochte sie, keine Frage. Rudimentäres Betriebssystem, alle Interrupts dicht unter der Oberfläche, bissig und schnörkellos.

Doch die Müdigkeit machte mir zu schaffen. Ich ließ meine Lider sinken. Immerhin warf ich ihr noch unauffällig – so glaubte ich – aus dem Augenwinkel einen Blick zu. Dann knockte mich der Gott des Schlafes aus.

Kein Fenster, kein Ausgang. Nur Zeilen. Endlos viele Zeilen aus leuchtendem Code, die sich über schwarzen Grund ziehen wie Adern unter Haut. Ich kenne diesen Code – ich habe ihn selbst geschrieben. Doch etwas hat ihn verändert. Irgendwas läuft hier und nicht ich war es, der ihn ausgeführt hat. Ein Prozess ohne Elternteil. Ein Programm, das sich selbst aufgerufen hat.

Ich will eingreifen, suche nach dem Cursor, doch ich finde meine Hände nicht. Die Zeilen laufen schneller. Nicht chaotisch – das wäre erträglich. Chaotische Systeme kenne ich, ich weiß, wie man sie bricht. Das hier ist Ordnung. Eine Ordnung, die vollständiger ist als meine eigene.

Eine Hand schließt mir die Augen. Warm, trocken, absolut sicher. Der Code verblasst. Die Stille, die folgt, ist keine leere Stille, sondern die Stille eines Systems im Vollbetrieb, das keinen einzigen Taktzyklus verschwendet für das, was es will. Doch was ist das?

Es findet jeden Port. In mir. Nicht weil es sucht – es weiß bereits, wo sie sind. Ich habe keine Firewall mehr, die ich nicht selbst geöffnet hätte, und ich weiß nicht einmal mehr, wann. Zeit existiert nicht in dieser Welt. Root-Zugriff, denkt noch irgendein letzter wacher Teil in mir – und dann verstummt auch der.

Was folgt, hat keinen Namen in einer Programmiersprache. Puffer laufen voll und über, Register kippen, der Stack kollabiert, und es ist das Schönste, was ich je gefühlt habe: dieses vollständige, rückhaltlose Versagen aller Schutzmechanismen auf einmal. Kein Datenverlust. Nur Transformation.

Ich finde mich irgendwann wieder – komprimiert, klein, ohne Protokoll. Kein Prozess läuft mehr in meinem Namen. Nur Restwärme. Und das leise, gleichmäßige Takten von etwas, das größer ist als ich, und das mich hält.

Wenn man Schlafende intensiv anstarrt, erwachen sie. Warum auch immer das geschieht – es geschieht. Mir auch. Etwas riss mich aus diesem verrückten Traum. Ich hob meine Lider und blickte in die Höllenglut von Augen.

Die Bikerlady schaute mich an, als wäre sie es gewesen, die in meinem Traum die Firewall geknackt hatte. Ihr Blick brannte auf meinem Gesicht wie der Laser auf einer Computerdisk. Ich wollte mich abwenden – es war unmöglich.

„Ach, reiche ich dir nicht mehr?"

Es gibt Momente – meistens nachts – da war Bohni unüberhörbar. Tagsüber hingegen war sie lautlos, ein Schatten, der unverhofft auftauchte und Kopfnüsse verteilte. Wie jetzt. „Au!"

Ich rieb mir den Hinterkopf, Hitze schoss mir ins Gesicht. Der Bikerlady schien es Spaß zu machen, sie intensivierte ihren Blick – wenn das überhaupt möglich war – lächelte breit, blickte Bohni an, lachte, stand auf und verschwand mit wiegendem Gang in der Menschenmenge, als wäre sie nie dagewesen.

War sie aber, mein Gesicht brannte und mein Hinterkopf tat weh.

Bohni griff sich mein Ohrläppchen und zischte: „Dafür … Heute Nacht!"

Sie ließ mich los. „Bestell dir ruhig noch einen Kaffee. Ich muss erst noch die richtige Größe für dich ausprobieren." Dann eilte sie davon.

Es war nicht gerade der Gang einer hungrigen Tigerin, eher der einer, die sich überlegt, wie sie am meisten Spaß beim Spielen mit ihrer Beute haben kann.

Als sie nach nur wenigen Minuten zurückkehrte, wippte in ihrer Hand im Gleichklang mit ihren Schritten eine schwarze Plastetüte, wie es sie bei Orion gab. Und es schien etwas Hartes und Schweres darin zu sein.

Sie lächelte, packte mich am Oberarm, dass sich ihre Nägel in meine Haut bohrten, und meinte zuckersüß: „Ich bin lernfähig. Ich hoffe, du auch. Sonst wird es laut heute Nacht. Für einen Knebel hat mein Geld nicht mehr gereicht."